Netzentgelte - gleicher Nutzen, ungleiche Verteilung

Die Netznutzungsentgelte sind inzwischen – neben der nach alljährlichen Rekorden strebenden EEG-Umlage – ein wesentlicher Treiber der Stromkosten. Infolgedessen liegen die Stromkosten für ein mittleres Industrieunternehmen in Deutschland ca. 29 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Zudem zahlen dessen Wettbewerber in Frankreich nur ca. 70 Prozent und in den USA gar knapp die Hälfte des Strompreises. Daraus resultiert ein erheblicher Wettbewerbsnachteil für den Wirtschafts- und Industriestandort Sachsen.

Daher fordert die VSW, die Finanzierung der Stromnetze - wie von der Bundesregierung ursprünglich beabsichtigt - noch in dieser Legislaturperiode neu auszugestalten und dabei Kosteneffizienz und -gerechtigkeit herzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind folgende Ansätze zu beachten:

Das Verursachungsprinzip – weder zeitgemäß noch gerecht

Die fortschreitende Energiewende erfordert ein Umdenken: Das Verursachungsprinzip ist überholt, denn der in Nord- und Ostdeutschland produzierte Strom wird zunehmend regelzonenübergreifend in die verbrauchsintensiven süd- und westdeutschen Regionen übertragen. Diese daraus resultierende Abhängigkeit wird sich verstärken. Daher gilt: Wer vom Netzausbau profitiert, muss ihn auch mitfinanzieren.

Die Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie gelingt nur, wenn alle Beteiligten davon profitieren.

Verteilung der Netzkosten – Willkür statt Ganzheitlichkeit

Einige Netzkostenbestandteile, von deren Investitionen die Allgemeinheit profitiert, werden bereits heute bundeseinheitlich gewälzt: So für Offshore-Windkraft-Anbindungen und die Onshore-Erdverkabelung.

Hingegen werden Maßnahmen zur Netzstabilisierung, zum Beispiel Redispatch-Maßnahmen, weiterhin regional gewälzt. Sie dienen jedoch der Versorgungssicherheit des gesamten Stromnetzes. Den Preis für diese Inkonsistenz zahlen am Ende die Verbraucher in den Regionen mit einer starken Ausbaudynamik der erneuerbaren Energien. Es ist paradox, dass diese Vorreiterrolle aufgrund veralteter Regulierungen bestraft wird.

Für eine zukunftsorientierte Neuausrichtung müssen alle Stromnetzkosten, die keinen ausschließlich regionalen Bezug aufweisen, bundesweit gewälzt werden. Das schließt sowohl den Ausbau der Übertragungsnetze als auch die Eingriffsmaßnahmen zur Netzsicherung ein.

Die Stromkosten – innerdeutsche Unterschiede inakzeptabel

Bevölkerungs- und Industriedichte sind ausschlaggebende Faktoren für die regionalen Kostenunterschiede des Netzausbaus, insbesondere auf Verteilernetzebene. Jedoch gilt dieses Argument aus den bereits genannten Gründen nicht für die Übertragungsnetzentgelte. Hier bestehen zwischen den vier Übertragungsnetzbetreibern große Unterschiede (Abb. 1). Ein bundesweite Vereinheitlichung entlastet die betroffenen Regionen erheblich.

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Abb. 1

Die bisherige regionale Wälzung schlägt sich auch in der Kostenbelastung der hiesigen Wirtschaft nieder: Zahlt ein mittleres Industrieunternehmen in Dresden ein durchschnittliches Netzentgelt von 4,93 Cent pro Kilowattstunde, sind es in Köln lediglich 2,18 Cent. Die hiesige Wirtschaft wird aufgrund falscher Rahmenbedingungen zunehmend diskriminiert. Das ist weder nachvollziehbar noch zu akzeptieren.

Die Stellschrauben – Potenziale bisher ungenutzt

Die Frage nach einer zukunftsorientierten Netzkostenregulierung lässt sich nur in zweiteilig beantworten: Einerseits geht es um die gerechte Verteilung der bisher entstehenden Kosten, andererseits um die effektive Nutzung vorhandener Einsparpotenziale. Hierzu im Einzelnen:

Es muss der Grundsatz gelten, dass alle Netzkosten, die für Investitionen im allgemeinen Interesse entstehen, bundesweit zu wälzen sind. Das ist versorgungsgerecht und stärkt die Akzeptanz der Energiewende in den Regionen, die zu deren Treibern gehören, aber – im Falle einer Verstetigung der bisherigen Systematik – überproportional belastet werden.

Die gerechtere Verteilung geht insbesondere mit einer bundesweiten Vereinheitlichung der Übertragungsnetzentgelte einher. Die Übertragungsnetze transportieren den Strom aus den Erneuerbaren-Energien-Anlagen zunehmend regelzonenübergreifend. Da deren Anteil am Bruttostromverbrauch weiter steigen soll und die nord- und ostdeutschen Regionen für den Ausbau aufgrund der Kosteneffizienz zu bevorzugen sind, wird sich dieser Trend verstärken. Ein bundeseinheitliches Übertragungsnetzentgelt begegnet somit den Herausforderungen von morgen, deren Anfänge bereits heute zu erkennen sind.

Gleiches gilt für alle Investitionen, die die Versorgungssicherheit des deutschen Stromnetzes gewährleisten. Eine bundesweite Wälzung ist aus den bereits genannten Gründen sachgerecht.

Generell ist festzuhalten, dass eine Neuverteilung lediglich der höheren Kostengerechtigkeit dienen kann. Eine allgemeine Entlastung ist ausgeschlossen, denn es ist logischerweise ein Nullsummenspiel. Um den Netzausbau zukünftig aber auch kosteneffizienter zu gestalten, müssen bestehende Kostenstrukturen auf ihre Notwendigkeit hin hinterfragt werden.

Die vermiedenen Netzentgelte sind hierfür ein Paradebeispiel. Deren theoretischer Ansatz, den Netzausbau durch eine zunehmend dezentrale Erzeugung zu senken, erwies sich in der Praxis als ungeeignet und falsch. Somit müssen die vermiedenen Netzentgelte sofort abgeschafft werden.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss mit dem Ausbau der Stromnetze synchronisiert werden. Dazu bedarf es einer umfassenden Statusanalyse des bisherigen Rückstands im Netzausbau. Bis dieses Defizit aufgeholt ist, sollte der Ausbau von EEG-geförderten Neuanlagen gedrosselt werden. Da Deutschland das Ziel für 2020, seinen Bruttostromverbrauch bis zu 45 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu decken, zu übertreffen scheint, sind vorerst geringere Ausbauquoten verkraftbar. Die Vorteile einer Synchronisierung sind sowohl eine mittelfristige Abnahme der Eingriffsmaßnahmen zur Netzstabilisierung sowie ein vorerst geringerer Anstieg der EEG-Umlage.

Letztendlich ist das EEG grundsätzlich abzuschaffen. Die erneuerbaren Energien nahmen im vergangenen Jahr 32,3 Prozent am Bruttostromverbrauch ein. Eine weitere explizite Förderung ist falsch. Vielmehr sollten die Anlagen technologieoffen am Strommarkt konkurrieren. Die Stromgestehungskosten von Photovoltaik- und Wind Onshore-Anlagen sind bereits heute wettbewerbsfähig. Zeitgleich sollten alle Anlagen - egal ob konventionelle oder erneuerbare Energieträger - an den Netzausbaukosten stärker beteiligt werden. Damit werden die Kosten, die jede Stromerzeugungsanlage für Stromproduktion und -transport verursacht, in einem Börsenstrompreis abgebildet, sodass sich die Technologie durchsetzt, die die geringsten Systemkosten aufweist. Das Resultat ist eine hohe Kosteneffizienz, insbesondere im Netzausbau.

Fazit: Aktuelle Gesetzesinitiativen greifen zu kurz

Die aktuelle Verteilung der Netzkosten ist ungerecht. Regionen, die eine Vorreiterrolle bei der Energiewende einnehmen, werden durch höhere Netzentgelte bestraft. Hier bedarf es fairer Rahmenbedingungen, die durch eine bloße stufenweise Abschaffung der vermiedenen Netzentgelte nicht geschaffen werden.

Folgende weitere Maßnahmen, die zu mehr Kostengerechtigkeit und -effizienz führen, sind unerlässlich:

  • Die Übertragungsnetzentgelte müssen bundesweit vereinheitlicht werden.
  • Gleiches gilt für Maßnahmen, die der Netz- und Versorgungssicherheit dienen.
  • Der Ausbau der EEG-geförderten Anlagen muss mit dem Ausbau der Stromnetze synchronisiert werden.
  • Mittelfristig sollte die EEG-Förderung für Neuanlagen abgeschafft und Anlagenbetreiber stärker an den Ausbau- und Modernisierungskosten der Stromnetze beteiligt werden.

Die VSW steht für Ihre Fragen und Anregungen gern zur Verfügung:

Kontakt:
Sandra Lange
Tel. 0351 25593-18, Fax 0351 25593-78
sandra.lange@hsw-mail.de

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